Leseproben


Der Einsamkeitsforscher

Er sitzt oft bei seinen Fischen und
dazwischen Glas. Stille auf beiden Seiten,
gezeiten.los.

Er ist der, der täglich nur fünf Worte spricht:
Guten Morgen, Mahlzeit, Guten Abend,
mehr, mehr sagt er nicht.

Keinerlei Begabung für Ausgelassenheit
oder Menschlichkeit.
Und ewig stumm,

Um Die Klamotten nach wie vor
von Mutter herausgelegt zu bekommen. Und so sehen
sie auch aus, die Klamotten.

Ein allmorgendliches Trotten
zur Arbeit unter Wasser, Katzenhasser, Luftblasenzähler,
Warmwasserwähler, stets 27 Grad.

Denn vor ihm treiben Schwärme in der
Wärme des Aquariums, enges Becken, schon
nach Fingerklopfen an Scheibe – Erschrecken!

Kardinalfische, Guppys, Schwerträger,
Ankläger der Einsamkeit - die da drinnen, ich
hier draußen, Ohrensausen, Druckausgleich.

Er streut noch Futter in die aquatische
Nacht, macht dann das Licht aus,
steht, geht, unentschlossen

Heim.

aus: "Sonst noch was?", 2014


donnerstagnacht, kurz vor zwei

bier ist alle,
sagst du und ich meine ein
theatralisches seufzen aus dem kühlschrank
zu hören.
der kühlschrank hat gerade theatralisch geseufzt,
sagst du,
das kann nicht sein,
sage ich und
verschwinde,
kurz vor zwei,
für immer
richtung
keller

aus: "Umsonst!?",
März 2008, Leipzig



Du sagst Stonehenge

Du sagst Stonehenge.
Du sagst, dass man dort bereits vor 5000 Jahren Sommer- und Winterbeginn anhand der Auf- und Untergangspunkte der Sonne erfasste.
Ich denke an Sommer.
Und denke an Fransenlederbömmel auf weißen Collegeslippern, und an die Dreiviertelhosenschnurrbartherren, die Fransenlederbömmelcollegeslipper tragen und mit diesen Schuhen an irgendeiner Theke stehen, das Standbein gestreckt, den linken Fuß auf dem Fußlauf der Theke, ein Glas Bier in der Hand, um irgendeinem daneben stehenden Dreiviertelhosenschnurrbartherrn zu sagen, dat man jetz wat janz Vertraulisches zu sagen habe, Jung. Nachdem dat janz Vertraulische gesagt wurde, zwirbelt man seinen Schnurrbart, nimmt einen Schluck Bier, wechselt das Standbein und platziert den anderen, den rechten Fransenlederbömmelcollegeslipper auf dem Fußlauf der jeweiligen Theke.
Das nennt man dann wohl einen deutschen Fransenlederbömmelcollegeslippersommer.


Du sagst Stonehenge.
Du sagst, dass man dort bereits vor 5000 Jahren Sommer- und Winterbeginn anhand der Auf- und Untergangspunkte der Sonne erfasste.
Ich denke an Winter.
Und denke an graue, deutsche Innenstädte, die mit dem Schneematsch noch grauer werden. Und ich denke an dunkelblaue Plümmelmützen aus den späten 70ern, getragen Anfang der 80er, auf dem Weg in die Grundschule. Und ich denke daran, wie mir auf dem Weg in die Schule zwei ältere Jungen meine dunkelblaue Plümmelmütze vom Kopf rissen, damit drei, vier Meter wegrannten (mir kam es damals vor wie drei- oder vierhundert Meter), den Spaß an der Sache verloren und meine dunkelblaue Plümmelmütze in den Schneematsch auf dem Bürgersteig warfen. Tränenerstickt lief ich zu meiner Mütze, hob sie auf, schüttelte den Schmutz von der Mütze und setzte sie wieder auf, meine dunkelblaue Plümmelmütze auf dem Weg in die Grundschule.
Das nennt man dann wohl einen deutschen Dunkelblaueplümmelmützenwinter.


Du sagst Stonehenge und langsam beginne ich zu verstehen, was du damit meinst.

aus: "Langsamland",
Januar 2008, Edition PaperONE, Leipzig



Intra

Unvorstellbar weit entfernt Richtung Norden
lebt mein Glück.
Nie ist es bereit zu reisen.

Unfassbar weit entfernt Richtung Süden
lebt mein Unheil.
Von Jahr zu Jahr reist es häufiger.

Dazwischen,
inmitten absoluter Stille,
lebe ich und erhalte Besuch.

Von Reisenden.

aus: "Verschlungene Wege - Chemins entrelacés",
Oktober 2007, Edition Etaina Verlag, Tholey



Restaurantphantasien

Der Ober brachte meinen Salat.
Er roch phantastisch;

nicht so der Salat.

aus: "Sechzehn seltsame Stunden",
März 2007, Edition PaperOne, Leipzig



schwarz

dunkel
in mir

wär
gern bei dir

gedanken
machen krank.

sanfte
tode schlafen,

schlafen
tötet sanft

ich
bin mein

eigener
mörder.

aus: "Sechzehn seltsame Stunden",
März 2007, Edition PaperOne, Leipzig



Nachtappetit

Der rote Schein der LED-Anzeige teilte mir mit,
daß es bereits dreiundzwanzig Uhr siebzehn war.

Gleich eine Minute später war es dreiundzwanzig Uhr achtzehn.
Um null Uhr drei bekam ich Hunger.

Hunger auf null Uhr vier ...

aus: "schreib",
Juli 2006, Potsdam



Herbstkonsequenz

Unter minutenlangem
Grollen und
erlesenen
Blitzen wirbelten wir
umeinander.

Unter tiefschwarzem
Himmel und
marmorierten
Wolken kreisten wir
nur um

Uns,
zwei Blättern eines
alten Baumes,
gefiel dieses Spiel,
minutenlang - unendlich

bis Gewitterregen
uns schließlich
für immer
zu Boden
zwang.

aus: "Liebestrauer",
November 2005, Lerato-Verlag, Oschersleben



Wiesenland

Ungewöhnlich blaß sitze ich auf meiner Wiese.
Meine Mitmenschen sind farbiger.
Ihre Haut ist gegerbt und wund.
Wer sich nicht schützen kann, verbrennt.
Oft darf ich in meinem Zimmer bleiben,
sitze dann vor meinem Rechner
und warte bis ich wieder schlafen kann.

Nur ab und an muß ich hinaus auf die Wiese.
Damals, so erzählte mir Vater, sollen Wiesen grün gewesen sein.
Heute sind Wiesen braun.
Und rar.
Vater ist stolz auf seine Wiese.
Er hat sie getauscht.
Gegen zwei seiner Kinder.

Seine Kinder bewachen nun eine Grenze.
Die deutsch-chinesische.
Immer wieder gibt es Zwischenfälle
und Deutschland braucht Soldaten.
Am liebsten Kinder, die kosten nicht soviel.
Vielleicht eine Wiese,
oder so.

Morgen muß ich wieder die Frau
im Krankenhaus besuchen.
Vater sagt, sie sei meine Mutter.
Nie habe ich sie zu Hause gesehen.
Mutter gebiert ständig.
Für Deutschland.
Und für Vaters Wiesen.

aus: "Deutschland in 30 Jahren",
Dezember 2004, Textzeichen-Verlag, Düsseldorf



Weder Keller
noch Dunkelheit verursachen Angst;
es ist das Pfeifen.

aus: "160 Zeichen, Literatur auf kleinstem Raum",
Wettbewerb November 2002, Uzzi-Verlag, Düsseldorf