Leseproben


Der Einsamkeitsforscher

Er sitzt oft bei seinen Fischen und
dazwischen Glas. Stille auf beiden Seiten,
gezeiten.los.

Er ist der, der täglich nur fünf Worte spricht:
Guten Morgen, Mahlzeit, Guten Abend,
mehr, mehr sagt er nicht.

Keinerlei Begabung für Ausgelassenheit
oder Menschlichkeit.
Und ewig stumm,

Um Die Klamotten nach wie vor
von Mutter herausgelegt zu bekommen. Und so sehen
sie auch aus, die Klamotten.

Ein allmorgendliches Trotten
zur Arbeit unter Wasser, Katzenhasser, Luftblasenzähler,
Warmwasserwähler, stets 27 Grad.

Denn vor ihm treiben Schwärme in der
Wärme des Aquariums, enges Becken, schon
nach Fingerklopfen an Scheibe – Erschrecken!

Kardinalfische, Guppys, Schwerträger,
Ankläger der Einsamkeit - die da drinnen, ich
hier draußen, Ohrensausen, Druckausgleich.

Er streut noch Futter in die aquatische
Nacht, macht dann das Licht aus,
steht, geht, unentschlossen

Heim.

geplante VÖ in "Rutsch rüber, ich fahr",
März 2012



Das ist Wagner

„Das ist Wagner“ zischelst du leise.
„Wagner?“ raune ich hinter vorgehaltener Hand zurück, „das ist niemals Wagner. Das ist… das ist… das ist Tschaikowski.“
„Tschaikowski?“ witzelst du, sichtlich bemüht nicht sofort in einen hysterischen Lachkrampf auszubrechen, „das soll Tschaikowski sein?? Das ist nie und niemals Tschaikowski, das ist Wagner!“
„Aber Wagner“, versuche ich dir so leise wie möglich zu erklären, „Wagner hätte niemals den dritten Satz mit einem Bariton beginnen lassen.“
„Das ist kein Bariton“ korrigierst du mich genervt, „das ist ein Sopran!“
„Ein Sopran??“ spotte ich belustigt, „Du hast wohl noch nie einen Sopran gehört, was?“
„Du willst mir unterstellen, dass ich einen Sopran nicht von einem Bariton unterscheiden kann?“ giftest du mich nun wütend an und fährst aus dem Bett, wirfst dir deinen zerknitterten grünen Morgenmantel über und stürmst aus dem Zimmer.
„Woll´n doch mal sehen wer das ist!“ schreist du nun, mittlerweile im Treppenhaus, stampfend auf dem Weg zu unserem Nachbarn, der seine Stereoanlage und unsere Geduld wieder einmal über die Maßen strapaziert.
Ich schaue auf den kleinen gelben Wecker neben dem Bett.
Es ist drei Uhr früh.
Noch drei Stunden.
Dann klingelt er.

Veröffentlicht in "Freizeichen",
März 2009, Edition PaperONE, Leipzig



donnerstagnacht, kurz vor zwei

bier ist alle,
sagst du und ich meine ein
theatralisches seufzen aus dem kühlschrank
zu hören.
der kühlschrank hat gerade theatralisch geseufzt,
sagst du,
das kann nicht sein,
sage ich und
verschwinde,
kurz vor zwei,
für immer
richtung
keller

Veröffentlicht im Lyrikblatt "Umsonst!?",
März 2008, Leipzig



Du sagst Stonehenge

Du sagst Stonehenge.
Du sagst, dass man dort bereits vor 5000 Jahren Sommer- und Winterbeginn anhand der Auf- und Untergangspunkte der Sonne erfasste.
Ich denke an Sommer.
Und denke an Fransenlederbömmel auf weißen Collegeslippern, und an die Dreiviertelhosenschnurrbartherren, die Fransenlederbömmelcollegeslipper tragen und mit diesen Schuhen an irgendeiner Theke stehen, das Standbein gestreckt, den linken Fuß auf dem Fußlauf der Theke, ein Glas Bier in der Hand, um irgendeinem daneben stehenden Dreiviertelhosenschnurrbartherrn zu sagen, dat man jetz wat janz Vertraulisches zu sagen habe, Jung. Nachdem dat janz Vertraulische gesagt wurde, zwirbelt man seinen Schnurrbart, nimmt einen Schluck Bier, wechselt das Standbein und platziert den anderen, den rechten Fransenlederbömmelcollegeslipper auf dem Fußlauf der jeweiligen Theke.
Das nennt man dann wohl einen deutschen Fransenlederbömmelcollegeslippersommer.


Du sagst Stonehenge.
Du sagst, dass man dort bereits vor 5000 Jahren Sommer- und Winterbeginn anhand der Auf- und Untergangspunkte der Sonne erfasste.
Ich denke an Winter.
Und denke an graue, deutsche Innenstädte, die mit dem Schneematsch noch grauer werden. Und ich denke an dunkelblaue Plümmelmützen aus den späten 70ern, getragen Anfang der 80er, auf dem Weg in die Grundschule. Und ich denke daran, wie mir auf dem Weg in die Schule zwei ältere Jungen meine dunkelblaue Plümmelmütze vom Kopf rissen, damit drei, vier Meter wegrannten (mir kam es damals vor wie drei- oder vierhundert Meter), den Spaß an der Sache verloren und meine dunkelblaue Plümmelmütze in den Schneematsch auf dem Bürgersteig warfen. Tränenerstickt lief ich zu meiner Mütze, hob sie auf, schüttelte den Schmutz von der Mütze, und setzte sie wieder auf, meine dunkelblaue Plümmelmütze auf dem Weg in die Grundschule.
Das nennt man dann wohl einen deutschen Dunkelblaueplümmelmützenwinter.


Du sagst Stonehenge und langsam beginne ich zu verstehen, was du damit meinst.

Veröffentlicht in "Langsamland",
Januar 2008, Edition PaperONE, Leipzig



Intra

Unvorstellbar weit entfernt Richtung Norden
lebt mein Glück.
Nie ist es bereit zu reisen.

Unfassbar weit entfernt Richtung Süden
lebt mein Unheil.
Von Jahr zu Jahr reist es häufiger.

Dazwischen,
inmitten absoluter Stille,
lebe ich und erhalte Besuch.

Von Reisenden.

Veröffentlicht in der Anthologie "Verschlungene Wege - Chemins entrelacés",
Oktober 2007, Edition Etaina Verlag, Tholey



Restaurantphantasien

Der Ober brachte meinen Salat.
Er roch phantastisch;

nicht so der Salat.

Veröffentlicht in "Sechzehn seltsame Stunden",
März 2007, Edition PaperOne, Leipzig



schwarz

dunkel
in mir

wär
gern bei dir

gedanken
machen krank.

sanfte
tode schlafen,

schlafen
tötet sanft

ich
bin mein

eigener
mörder.

Veröffentlicht in "Sechzehn seltsame Stunden",
März 2007, Edition PaperOne, Leipzig



Regenfreitag

Der Regen nahm zu, von Stunde zu Stunde, und schwemmte tröpfelnd dosierte Melancholie in die Straßen. Kleine Regenbäche flossen entlang der Bürgersteige zwischen parkenden Autos und nassen Bordsteinen. Die graue Innenstadt entließ ihre Arbeiter mit aufgestellten Mantelkragen und baumwollenen Schals zögernd aus modernen Bürogebäuden in den Feierabend, an diesem regnerischen Freitagnachmittag. Fest umklammernd hielten sich Büroangestellte an ihren schwarzen Aktenkoffern fest, die mehr Ausstrahlung besaßen als ihre Träger jemals besitzen werden. Der Wind trieb leblose braune Blätter vor sich über den glänzenden Asphalt und zerrte an meinen klammen Hosenbeinen. Mir war kalt. Wartend stand ich an der Haltestelle meiner Straßenbahn und sehnte mir die Trockenheit meiner Wohnung herbei. Die stromführenden Oberleitungen der Straßenbahn schnitten den kalten Herbstwind entzwei, heulend strich er um die schwarzen Leitungen. Die reflektierenden Scheinwerfer der Autos blendeten, mühsam kämpfte ein nassgewordener Radfahrer mit seinem persönlichen Gegenwind. Trüb blickten die Menschen an der Haltestelle einem noch trüberen Wochenende entgegen und wünschten sich näher in Richtung des kommenden Montagmorgen, an dem sie die Wochenendträgheit ihres zu Hause erneut gegen die Wochenträgheit ihrer Büros tauschen können. Kreischend bog langsam die Straßenbahn um die Ecke, fahl blickte der Scheinwerfer voraus in den regennassen Abend. Als sich die Türen der Bahn öffneten entwich feuchte warme Luft, sauerstoffarm und rätselhaft in den frühen Abend. Ich betrat die Straßenbahn und nahm einen Stehplatz ein, ganz hinten im Wagen, dort wo sich das Regenwasser der nassen Kleidung und der tropfenden Regenschirme der Passagiere bei jedem Anfahren der Bahn sammelte. Die Scheiben waren beschlagen, hier und da konnte man den Abdruck eines Kopfes oder einer durch Müdigkeit abgelegten Wange an den Scheiben erkennen.
"Hilfe" hatte jemand in Spiegelschrift mit dem Finger auf die feuchte Heckscheibe der Straßenbahn geschrieben. Vielleicht schmunzelten darüber einige hinter der Bahn fahrende Autofahrer wenn sie es lasen. Vielleicht schmunzelten sie auch nicht und dachten nur dasselbe.
Hilfe.

Ruckend fuhr die Straßenbahn an, einige Fahrgäste verloren kurzzeitig ihr Gleichgewicht und damit die übrig gebliebene Laune ihres Tages. Sie traten von einem Fuß auf den anderen, ihre nassen Schuhsohlen quietschten auf dem schwarzen Kunststoffbodenbelag der alten Straßenbahn. Mühsam und altersschwach kämpften die Heizkörper der Bahn gegen die Kälte und bemühten sich um eine angenehme Temperatur im Inneren. Die Klänge der Lüfter wurden nur unterbrochen von nervösem Hupen auf der Hauptstraße und dem unsicheren und verhaltenen Husten eines Fahrgastes.

An der nächsten Haltestelle hielt die Bahn abrupt. Menschen begannen damit den Fahrer für seine Fahrweise zu verfluchen. Ihre Gesichter zeigten deutlich die Anspannung, die Unruhe und die Müdigkeit ihres Tages.
In dem Vierersitzblock vor mir unterhielten sich zwei junge Mädchen über die neue Platte des aktuellen Popstars. Ihre Augen strahlten, als sie an ihn dachten, die Musik wurde nebensächlich.
Gut gelaunt betrat nun ein alter Mann die Straßenbahn, hatte Mühe die zwei Stufen in das Bahninnere zu erklimmen, stützte sich schwer auf seinen Stock, atmete angestrengt, und blickte sogleich wieder freundlich in der Bahn umher. Zunächst stand er unentschlossen im Gang, seine freundlichen Augen suchten, beobachteten, dann ging er erneut drei Schritte und blieb nun vor dem Vierersitzblock, in dem die Mädchen saßen, stehen. Ächzend fuhr die Bahn erneut an, kerzengerade stand der alte Mann und hielt sich fest an einer Rückenlehne der Sitzgruppe. Sein dunkler Stock stieß gegen den Fuß eines der Mädchen. Augenblicklich entschuldigte er sich freundlich lächelnd. Pubertär begannen die Mädchen nun zu kichern.
Die gelangweilt Umhersitzenden starrten desinteressiert aus den beschlagenen Fenstern in die verschwimmende graue Stadt. Man wischte sich ein Sichtfenster mit feuchtem Winterjackenärmel frei. Neonlicht schimmerte in den Pfützen der Bürgersteige. Gleichgültig lief der Regen in langen Bahnen an den Scheiben hinab, auf der Straße bellte ein Hund.

Grinsend fasste sich nun eines der Mädchen ein Herz und sprach den alten Mann an.
"Möchten sie sitzen?" fragte es.
Die blauen Augen des Alten fixierten das Mädchen funkelnd.
"Nein danke." sagte er freundlich. "Ich habe zehn Jahre gesessen, weil ich gestanden habe."

Veröffentlicht in der Anthologie "Unterwegs",
Februar 2007, Lerato-Verlag, Oschersleben



Wintermeer

Mit einem Tauchsieder sitze
ich am Strand des Wintermeeres
und mache mir das Meer warm.

Zumindest einen kleinen Teil
des Meeres, einen winzigkleinen
Teil.

Und wenn wir im Wasser
ganz dicht zusammenrücken,
dann reicht es vielleicht für uns

beide.

Veröffentlicht in der Anthologie "Begegnungen - dazwischen und nebenan",
Januar 2007, Edition Wort, Tholey-Hasborn



Nachtappetit

Der rote Schein der LED-Anzeige teilte mir mit,
daß es bereits dreiundzwanzig Uhr siebzehn war.

Gleich eine Minute später war es dreiundzwanzig Uhr achtzehn.
Um null Uhr drei bekam ich Hunger.

Hunger auf null Uhr vier ...

Veröffentlicht in der Literaturzeitschrift "schreib",
Juli 2006, Potsdam



Herbstkonsequenz

Unter minutenlangem
Grollen und
erlesenen
Blitzen wirbelten wir
umeinander.

Unter tiefschwarzem
Himmel und
marmorierten
Wolken kreisten wir
nur um

Uns,
zwei Blättern eines
alten Baumes,
gefiel dieses Spiel,
minutenlang - unendlich

bis Gewitterregen
uns schließlich
für immer
zu Boden
zwang.

Veröffentlicht in der Anthologie "Liebestrauer",
November 2005, Lerato-Verlag, Oschersleben



Frühlingsanfang

Leise surrend
beschrieb die Kette, gut geölt,
ihren Weg
über das ein oder andere Ritzel des Rades.

Der Morgen brachte bereits
warme Luft mit sich,
seicht und spielerisch
strich sie um meine Arme.

Nach wenigen Minuten des Fahrens
bereits das Gefühl, es dürfe niemals enden;
das Radfahren,
der Wind und
der Frühling.

Die Gewißheit,
daß der Frühling enden würde
saß jedoch, ruhig, duftend, musikhörend und lächelnd
auf dem Gepäckträger hinter mir
und trieb mich an, schneller zu fahren.

Dem Ende entgegen.

Veröffentlicht in der Anthologie "Frühlingsabenteuer",
Februar 2005, HerJo Verlag, Hamburg



Wiesenland

Ungewöhnlich blaß sitze ich auf meiner Wiese.
Meine Mitmenschen sind farbiger.
Ihre Haut ist gegerbt und wund.
Wer sich nicht schützen kann, verbrennt.
Oft darf ich in meinem Zimmer bleiben,
sitze dann vor meinem Rechner
und warte bis ich wieder schlafen kann.

Nur ab und an muß ich hinaus auf die Wiese.
Damals, so erzählte mir Vater, sollen Wiesen grün gewesen sein.
Heute sind Wiesen braun.
Und rar.
Vater ist stolz auf seine Wiese.
Er hat sie getauscht.
Gegen zwei seiner Kinder.

Seine Kinder bewachen nun eine Grenze.
Die deutsch-chinesische.
Immer wieder gibt es Zwischenfälle
und Deutschland braucht Soldaten.
Am liebsten Kinder, die kosten nicht soviel.
Vielleicht eine Wiese,
oder so.

Morgen muß ich wieder die Frau
im Krankenhaus besuchen.
Vater sagt, sie sei meine Mutter.
Nie habe ich sie zu Hause gesehen.
Mutter gebiert ständig.
Für Deutschland.
Und für Vaters Wiesen.

Veröffentlicht in der Anthologie "Deutschland in 30 Jahren",
Dezember 2004, Textzeichen-Verlag, Düsseldorf



Kalendereinträge

Für jede heimliche Verabredung
ein verschlüsselter Eintrag in seinem Kalender.
Er kam durcheinander...

Blumen gießen, Montag 16.30h
Auto waschen, Dienstag 13.00h
Reise buchen, Mittwoch 09.15h
Tabletten stehlen, Donnerstag 22.30h
Pferde verhehlen, Freitag, 19.43h
Sterne zerstören, Samstag 11.27h
Freunde töten, Sonntag 06.02h

Online veröffentlicht,
August 2003, Fragil-Verlag, Bückeburg



Weder Keller
noch Dunkelheit verursachen Angst;
es ist das Pfeifen.

Ausgezeichneter Text des Wettbewerbs "160 Zeichen, Literatur auf kleinstem Raum",
Wettbewerb November 2002, Uzzi-Verlag, Düsseldorf